20.11.2017

Pierre Behrens

Der Heilbronner Höhenweg - Einer der schönsten Höhenwege der Alpen

Pierre Behrens

Der Heilbronner Höhenweg - Einer der schönsten Höhenwege der Alpen

Diesmal stand unter anderem ein Allgäuer Klassiker auf der diesjährigen Tourenliste unseres Gastautors Pierre Behrens: Der „Heilbronner Höhenweg“. Seit über hundert Jahren hat dieser klettersteigartige, alpine Höhenweg nichts von seiner Faszination auf Bergsteiger eingebüßt. Bei seiner Begehung über den Allgäuer Hauptkamm verbindet er gleich drei der schönsten Hütten der Allgäuer Alpen mit einander: Die Rappenseehütte, das Waltenberger Haus und die Kemptnerhütte. Die steilsten Passagen, wie der Aufstieg zum Großen Steinschartenkopf auf 2615m oder die Überschreitung des mächtigen Bockkarkopfes, wurden durch Drahtseile und eine Leiter entschärft. Diese Tour erfordert eine sehr gute Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit.

"Glücklich wenn die Tage fließen, wechselnd zwischen Freud und Leid, zwischen Schaffen und Genießen, zwischen Welt und Einsamkeit." (J. W. von Goethe)

Mit dem Zug entfliehe ich der hektischen Zivilisation und lasse den Alltag hinter mir. Unter einem königsblauen Himmel steige ich von Einödsbach hinauf zur Petersalp. Mein Blick schweift nach oben zur Mädelegabel, Hochfrottspitze und dem „Allgäuer Matterhorn“ der Trettachspitze, die sich mir in beeindruckender Größe darbieten. Meine Füße suchen noch ihren Weg im felsigen Terrain und mein Rücken muss sich noch an die Last des Rucksacks gewöhnen.

Auf der Petersalp mache ich eine kleine Rast und blicke ein letztes Mal hinunter ins Tal. Der Weg führt steil hinauf zur Enzianhütte, die von herrlichen Almweiden umgeben ist. Die Sonne brennt gnadenlos und mein endorphinüberschütteter Körper versetzt mich in Euphorie. Über den Sattel des Mußkopfes erreiche ich die Rappenseehütte. Wie eine grüne Oase liegt sie am gleichnamigen See, eingebettet von saftigen Almwiesen, umrahmt von Rappenseekopf, Hochrappenkopf und Biberkopf, die gleichzeitig auch das Ende des Allgäuer Hauptkammes bilden. Ein wunderschöner Spätsommertag geht zur Neige und von der Ferne fliegen dunkle, prallgefüllte Wolken heran.

„Jede Begegnung, die unsere Seele berührt, hinterlässt eine Spur, die nie ganz verweht“. (L.L. Boden)

Am Morgen, als ich aus dem Fenster blicke, versteckt sich die Sonne noch hinter dem Biberkopf. Erst beim Aufbruch zur Steinscharte fallen die ersten Sonnenstrahlen auf den Rappensee und die klare Luft wirkt wie ein Muntermacher an diesem Morgen. Der Weg führt steil bergan und die ersten Schritte fallen noch etwas schwer. Über drahtseilgesicherte Felspassagen erreiche ich den markantesten Punkt der Tour: Das „Heilbronner Thörle“, ein sehr enger Felsspalt. Oben auf der kleinen Steinscharte eröffnet sich mir ein atemberaubender Blick ins Allgäu und auf eine große Anzahl von Alpengipfeln. Der Steig wechselt nun auf die Südseite des Hauptkammes und ich erreiche die berühmte Leiter, die zum Steinschartenkopf hinauf führt.

Über die Leiterbrücke und einen gesicherten Steig geht es zum „Wilden Mann“. Hier mache ich eine kleine Pause und steige über die steile Sockktalscharte hinunter zum Waltenberger Haus. Auf der Sonnenterasse genieße ich Mandis Hüttenspezialität – selbstgemachtes Birnenbrot mit Butter – bevor ich dem „König der Alpen“ meine Aufwachtung mache. Bereits beim Einstieg in die Bockartscharte sehe ich eine kleine Steinbockkolonie und nähere mich ihr bis auf wenige Meter. Steinböcke sind exzellente Kletterkünstler, anmutig und elegant in ihren Bewegungen, Kraftpakete der Natur. In ihrem Anblick kann man sich stundenlang verlieren. Es ist schon spät und ich kehre zur Hütte zurück. Das Tal liegt unter einem dichten, ausgebreiteten Wolkenmeer, nur die Gipfel überragen es und die letzten Sonnenstrahlen streicheln ihre Spitzen.

„Ein kleines, aber intensives Stück Glück, oben in den Bergen. Das ist es. Der Weg dorthin ist Schweiß, ist Fels, ist Eis, übersät mit Stolpersteinen und Glücksperlen“. (H. Kammerlander)

Der neue Tag begrüßt mich mit einem strahlenden Blau. Sehr steil windet sich der Weg durch die Bockartscharte und die letzten Meter klettere ich an Fixseilen hinauf zum höchsten Punkt, der über eine herrliche Aussicht verfügt. Etwas unterhalb liegt der einzige Allgäuer Gletscher, die Schwarze Milz, die heute nur noch ein kümmerliches Dasein fristet. Etwas später erreiche ich eine Anhöhe und der Raum weitet sich. Ich blicke auf grüne Almmatten und einen smaragdgrünen See, auf dessen Oberfläche die Sonnenstrahlen glitzern und sich die Wolken spiegeln.

Von hier kann ich den Wanderweg zur Kemptnerhütte sehen. Nach Ankunft auf der Hütte und einer kleinen Mahlzeit mache ich mich über die sonnigen Almwiesen auf zum Großen Krottenkopf. Ein junges, neugieriges Murmeltier lugt aus seinem Bau und schaut mir wachsam hinterher. Über die Krottenkopfscharte und schuttbeladenen Fels schraubt sich der Weg unter einem weiß-blauen Himmel langsam nach oben; Gipfelgefühle kommen auf.

Nach einigen Metern ist es geschafft, schweißgebadet aber glücklich und mit glänzenden Augen stehe ich am Gipfel. Und das Beste: Kein Mensch weit und breit. Nur eine gefräßige Bergdohle leistet mir Gesellschaft und bettelt um etwas Essbares. Ich genieße die Stille, mein Blick schweift in die Ferne und meine Gedanken verlieren sich in der Endlichkeit des Raumes. Beim Abstieg steht die Sonne schon tief am Horizont und taucht den Himmel in ein magisches, rotgelbes Licht und ein langer Schatten zieht über das Tal.

"Es blitzt ein Tropfen Morgentau im Strahl des Sonnenlichts; ein Tag kann eine Perle sein und ein Jahrhundert nichts." (Gottfried Keller)

In aller Frühe mache ich mich auf den Weg, nur das Pfeifen eines Murmeltiers und das Dahinplätschern eines Baches unterbrechen die Stille an diesem Morgen. Nebelwolken steigen sanft nach oben und gleiten durch den Sperrbachtobel, die Sonne sucht noch ihren Weg durch den wolkenverhangenen Himmel. Die Berge wirken kühl, abweisend und unwirklich zu dieser frühen Stunde und ich sehne mich nach einem sonnigen Plätzchen und einem heißen Kaffee. In Spielmannsau, am Ende des wildromantischen Trettachtales, reißt der Himmel plötzlich auf und die Sonne spendet mir ihre wärmenden Strahlen. Von hier ist es nicht mehr weit nach Oberstdorf und in Gedanken stehe ich schon auf der Kampenwand in den Chiemgauer Alpen, meinem nächsten Tourenziel.

                                                                                                                         

Schwierigkeitsgrad: schwer

Land: Deutschland

Anreise: Bahn oder Auto

Ausgangspunkt/ Endpunkt:Parkplatz Faistenoy

Anforderungen:Schwindelfreiheit/Trittsicherheit/gute Kondition

Gehzeiten 3-Tagestour:
Faistenoy-Einödsbach ca. 2 Stunden, Einödsbach-Rappenseehütte 3 Stunden, Rappenseehütte-Waltenberger Haus 4 Stunden, Waltenberger Haus-Kemptnerhütte über Bockkartscharte 4 bis 4,5 Stunden.

Gehzeit 2-Tagestour:
Faistenoy-Einödsbach ca. 2 Stunden, Einödsbach-Rappenseehütte 3 Stunden,Rappenseehütte-Kemptnerhütte ca. 6 Stunden

Sehenswertes: Steinböcke in der Bockkartscharte

Karte:Kompass Wanderkarte 1:50 000, Allgäuer Alpen

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