20.11.2017

Martin Henning

Hot Yoga – Die Millionen-Dollar-Idee des Bikram Choudhury

Martin Henning

Hot Yoga – Die Millionen-Dollar-Idee des Bikram Choudhury

Auch wenn Sport im Sommer sicherlich den größten Spaß macht – spätestens, wenn die Temperatur auf über 30 Grad steigt und man sich nicht gerade im Wasser befindet, nimmt die Freude an der Bewegung langsam ab. Sonnenstich und Kreislaufprobleme erinnern uns daran, es bei zu großer Hitze nicht zu übertreiben. Umso ungesünder erscheint da das immer beliebter werdende Hot Yoga: Hier absolviert man über einen Zeitraum von eineinhalb Stunden höchst anstrengende Yogaübungen – bei Temperaturen zwischen 35 und 40, manchmal sogar 60 Grad Celsius. Kritiker an dieser spezieller Yoga-Form gibt es Einige, und auch der Erfinder der Methode trägt nicht gerade dazu bei, die aufkommenden Bedenken zu zerstreuen.

Seine 66 Jahre sieht man Bikram Choudhury kaum an. Bis auf wenige Falten an der Stirn und um die Augen ist der gebürtig aus Kalkutta stammende Wahl-Amerikaner erstaunlich jung geblieben. Auch körperlich ist er nach wie vor gut in Schuss.

Zu verdanken hat das Choudhury wohl seinem Job, er ist Yoga-Lehrer. Doch nicht irgendein Yoga-Lehrer: Bikram Choudhury ist der Erfinder von Bikram-Yoga, auch als Hot Yoga bekannt. Seine 26 markenrechtlich geschützten Yogaübungen werden weltweit in über 3.000 Studios praktiziert. Sie haben ihn zu einer Art Guru und überdies zu einem reichen Mann werden lassen. Mit beidem kommt Choudhury gut klar – obwohl er die westliche Welt durchaus kritisch betrachtet. Denn dort, wo er herkommt, geht es um andere Werte.

Bikram Choudhury wird 1946 in Kalkutta geboren. Die 4,5-Millionen-Einwohner-Stadt im Osten Indiens gehört zu den ärmeren Großstädten der Erde. Laut einer Volkszählung im Jahr 2001 lebt etwa ein Drittel der Bevölkerung in Slums. Unterernährung, Krankheiten wie Tuberkulose, Lepra und Malaria, Kriminalität und Prostitution gehören hier fast schon zum Alltag. Um den schlechten Lebensbedingungen und seinem Elternhaus zu entkommen (Zitat: „Mama war Hitler Nummer Zwei“), flüchtet der junge Bikram schon mit vier Jahren in die Welt des Yoga.

Nixons Venenentzündung

Bishnu Charan Ghosh wird sein Guru. Ghosh ist zur damaligen Zeit einer der bekanntesten Yoga-Gurus und zudem der jüngere Bruder von Paramahansa Yogananda, Autor des wohl populärsten Buches über Yoga: „Autobiographie eines Yogi“. Mit 13 gewinnt Choudhury die indische Yogameisterschaft und verteidigt sie in den folgenden zwei Jahren erfolgreich. Bald entdeckt er – wohl von seinem Mentor inspiriert, der sich auch als Bodybuilder einen Namen machte – das Gewichtheben für sich. Eine schwere Knieverletzung im Alter von 18 Jahren beendet eine mögliche Karriere jedoch vorzeitig.

Sein Guru hatte für ihn ohnehin andere Pläne: Choudhury ist Ghoshs bester Schüler, er soll das Wissen des Hatha Yoga (Yoga-Form, die körperliche Übungen, Atemübungen und Meditation kombiniert) im Westen verbreiten. 1970 landet der junge Inder in Japan und eröffnet in Tokio eine Yoga-Schule. Hier kommt ihm das erste Mal die Idee, während der Trainingsstunden die Heizung aufzudrehen – „den Leuten fielen die Bewegungen leichter in der Wärme.“ Auf diese Weise will er nach eigenen Angaben die zerebrale Thrombose des späteren japanischen Premierminister Kakuei Tanaka geheilt haben.

Tanaka bedankt sich bei Choudhury, indem er ihn an US-Präsident Richard Nixon weitervermittelt. Der Yogaexperte reist nach Hawaii und heilt, natürlich ganz nebenbei, die fortgeschrittene Venenentzündung in Nixons linkem Bein. „Sieben Anwendungen mit Bittersalz in der Badewanne, meine Spezialität. War leicht. Nixon wusste nachher nicht mehr, welches Bein das kranke war“, kommentierte er später lapidar. Das Oberhaupt Amerikas schenkt ihm daraufhin eine Greencard, Choudhury nimmt dankend an.

Vom Automechaniker zum Yoga-Meister

Fortan unterrichtet er in den Staaten – zunächst kostenlos, nebenbei, als Ausgleich zu seinem Job als Automechaniker. Bis ihn Schauspielerin Shirley MacLaine, ein großer Yoga-Fan, zurechtweist. Wolle er ernst genommen werden, müsse er für seine Dienste Geld verlangen. Von da an geht es steil bergauf.

Choudhury besinnt sich auf seine Idee mit der Heizung und macht das Trainieren bei großer Hitze zur Konstanten in seinem Konzept. Sein Hot Yoga beschränkt sich auf 26 Körperübungen (Asanas) und zwei Atemübungen (Pranayama), die in einer bestimmten Abfolge bei 35 bis 40 Grad Raumtemperatur und hoher Luftfeuchtigkeit zweimal hintereinander durchgeführt werden. Vorwissen ist dafür nicht nötig.

Die Kurse sind so beliebt, dass Choudhury gemeinsam mit seiner Frau Rajashree (im Übrigen ebenfalls mehrmalige indische Yogameisterin) 1974 das Yoga College of India in der noblen Kleinstadt Beverly Hills gründen kann. Dieses dient bis heute als weltweit einziger Ausbildungsort für angehende Hot-Yoga-Lehrer (Die Kosten für den neunwöchigen Lehrgang betragen aktuell 10.900 Dollar, Unterkunft inklusive). Wer Bikram-Yoga unterrichten möchte, muss sich vom Guru persönlich ausbilden lassen.

Abkehr vom traditionellen Yoga

Der Kontakt zu Stars wie Elvis Presley („Ich war sein bester Freund“) und John McEnroe lässt das Ego des ohnehin selbstbewussten Inders im Laufe der Jahre weiter wachsen. Choudhury nennt sich von nun an nur noch Bikram; sein Name soll eine Marke sein. Damit er das Gleiche auch von seinem Workout behaupten kann, lässt er sich die Abfolge der 26 Körper- und zwei Atemübungen aus dem Hatha Yoga im Jahr 2002 patentieren. Dies trifft auf große Ablehnung in der Yogaszene. Die einhellige Meinung: Yoga sei ein 5.000 Jahre altes Nationalerbe und nicht Bikrams geistiges Eigentum. Drei Rechtsfälle in den Jahren 2003, 2004 und 2011 fallen jedoch zu Gunsten des Yoga-Gurus aus.

Bikram Choudhury in Aktion

Beliebt machen ihn seine Außendarstellung und die Patentierung seines Hot Yogas freilich nicht. Doch die Yogaszene stört sich nicht nur an diesen beiden Aspekten. Sie gibt auch zu bedenken, dass Choudhurys Workout mit der ursprünglichen Idee des Yoga – Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen – nichts mehr zu tun habe. Es sei zu hart, zu wenig spirituell. Selbst die Anhänger von Bikrams Methode geben mitunter zu, spirituelle Erfahrungen dürfe man sich von dieser Art des Yoga nicht erwarten.

Abgesehen von rechtlichen und ideellen Bedenken gibt es auch eine medizinische Sicht auf Dinge. Und die fällt ebenfalls negativ aus: Auch wenn Hot-Yoga-Lehrer betonen, die Methode lasse die Pfunde schneller purzeln, stärke das Immunsystem, entgifte durch den hohen Flüssigkeitsverlust, konditioniere das Herzkreislaufsystem, helfe bei Arthritis, Hepatitis C, Tinnitus, Nierenkrebs, Angstattacken etc. – bewiesen ist dies alles nicht. Ganz anders beim traditionellen Yoga, hier konnte die gesundheitsfördernde Wirkung, insbesondere der Stressabbau und die Kräftigung der Haltungs- und Stützmuskulatur mittlerweile weitgehend nachgewiesen werden.

Bikram Choudhury: Gott und Businessmann

Da beim Hot Yoga aufgrund der enormen Hitze überdurchschnittlich viel geschwitzt wird, besteht die Gefahr einer Dehydrierung. Außerdem kann es infolge von Elektrolytverlust zu Muskelkrämpfen und Kreislaufkollaps kommen. Ein Aufwärmen ist durch die hohe Raumtemperatur nicht gegeben, dadurch besteht die Gefahr, den Körper zu überdehnen. Für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist das Workout ebenso ungeeignet wie für Schwangere und Migränegeplagte.

Bikram-Yoga, so scheint es, ist eben mehr profitables Geschäft als Einheit von Körper, Geist und Seele. Wer Hot Yoga in seinem Studio anbieten will, zahlt 500 Dollar monatlich und eine einmalige Lizenzpauschale in Höhe von 10.000 Dollar, auch wer mit dem Namen des Gurus werben möchte, greift tief in die Tasche. Immerhin: Die ständig steigende Anzahl der Anhänger und die vielen positiven Reaktionen zeigen, dass die Methode, wenn auch nur über die Kraft der Gedanken, durchaus Wirkung zeigen kann.

Für Millionen von Menschen ist das Geld daher gut investiert. Sie verehren Choudhury  wie einen Gott und geraten nicht selten aus der Fassung, wenn der große Meister plötzlich vor ihnen steht. Sein Charisma scheint einnehmend zu sein, und wenn er sagt: „Ich brauche 90 Minuten, um eine 99,9-prozentige Diagnose zu stellen und die passende Therapie zu entwickeln. Das ist meine Gabe“, dann wirkt das überzeugend. Kritikern an seiner Methode entgegnet er trocken: „Ich bin der Beste der Welt. Alles andere ist Bullshit.“

Auf Außenstehende mag dies arrogant, fast schon größenwahnsinnig wirken. Bikram würde dem natürlich nicht zustimmen. Er sieht sich weniger als Superstar denn mehr als Heiler mit lebenslanger Mission in den westlichen Ländern, vor allem in den USA. Hier werde wirtschaftlicher Erfolg sofort mit einem guten Leben gleichgesetzt. Doch es gehe um viel mehr als das: „Besitz bedeutet nichts, wenn du einen kaputten Körper und eine Schraube locker hast, wenn du eine verlorene Seele bist.“Er wolle den Menschen im Westen aus ihrer mentalen Krise führen und ihnen zu Gesundheit und innerer Zufriedenheit verhelfen.

Dass ein bisschen Luxus dennoch nicht schaden kann, davon ist auch Bikram überzeugt: Der Auto-Liebhaber besitzt mehrere Bentleys und Rolls-Royce und residiert in einer 750-Quadratmeter-Villa mit Swimmingpool in Beverly Hills.

 

Bildquellen: yogalifestudios, http://www.flickr.com/photos/yogalifestudios/7184684721/sizes/z/in/photostream/   und   yanivnord, http://www.flickr.com/photos/yanivnord/1347922039/sizes/z/in/photostream/

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