20.11.2017

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Lernmethoden: So arbeitet Dein Gehirn

Johannes Werner

Lernmethoden: So arbeitet Dein Gehirn

Unser Gehirn hilft uns. Bei allem. In jedem noch so „kleinen“ Bereich Deines Lebens benutzt Du es, ohne vielleicht zu wissen, wie und warum es eigentlich so funktioniert und arbeitet. Doch wenn Du das einmal durchschaut hast, kannst Du Dein Gehirn besser und effektiver nutzen und ihm leichter Wissen vermitteln, das Du jederzeit abrufen kannst. Daher ist dieser Punkt wichtig, bevor wir tiefer in die Lernmethoden einsteigen. Denn mit diesem Verständnis werden Dir die unterschiedlichsten Lernmethoden viel leichter fallen, weil Du Dein Gehirn entsprechend seiner eigenen Arbeitsweise bedient kannst – und so leichter und schneller Erfolge erzielst.

Dein Gehirn hat seine eigene Lernmethoden

Allgemein gilt: Die Informationen, die in Dein Gehirn gelangen, werden auf unterschiedliche Art und Weise verarbeitet und abgespeichert. Dein Gehirn arbeitet dabei nach einem Ebenen- oder so gesehen auch Schubladen-Prinzip. Daher kommt auch der Name „Schubladendenken“, der im umgänglichen Sprachgebrauch meist negativ behaftet ist. Dennoch trifft das den Nagel auf den Kopf – und negativ ist daran auch nichts. Es arbeitet eben wie es arbeitet, nämlich alles andere als willkürlich, sondern nach ganz bestimmten Kriterien und Prinzipien. Man könnte also sagen, auch Dein Gehirn besitzt eigene Lernmethoden.

Gleichzeitig unterteilt es alle aufgenommenen Informationen in verschiedene Kategorien und verteilt sie auf vier unterschiedliche Ebenen:

  1. Das Ultra-Kurzgedächtnis
  2. Das Arbeitsgedächtnis
  3. Das Kurzzeitgedächtnis
  4. Das Langzeitgedächtnis

Eine bedeutende Schaltstelle zwischen diesen Ebenen ist der Hippocampus, denn der ist enorm wichtig für die Überführung von Gedächtnisinhalten vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis – und somit auch relevant für alle erdenklichen Lernmethoden. Dazu kommen wir später. Dein Gedächtnis lässt sich also je nach Dauer der Informationsspeicherung in diese vier verschiedenen Ebenen einteilen. Die Faustregel dabei lautet:

  1. Das Ultra-Kurzzeitgedächtnis hält Informationen für Millisekunden bis 2 Sekunden
  2. Das Arbeitsgedächtnis hält Informationen bis zu 45 Sekunden
  3. Das Kurzzeitgedächtnis speichert Informationen über einige Stunden
  4. Das Langzeitgedächtnis speichert Informationen über Tage bis lebenslang

Lernmethoden: So arbeitet Dein Ultra-Kurzzeitgedächtnis

Dein Ultra-Kurzgedächtnis (oder auch „sensorisches Gedächtnis“) behält neue Informationen für Millisekunden bis zu etwa zwei Sekunden lang und hilft Dir zum Beispiel, gerade angefangene Handlungen fortzusetzen. Es nimmt tatsächlich jede neue Information auf und bearbeitet sie kurz. In einem Augenblick entscheidet es, ob die Information wichtig genug ist, um sie in das Arbeits- und damit später ins Kurzzeitgedächtnis weiterzuleiten.

Ein Beispiel: Beim Gehen setzen wir einen Fuß vor den anderen. Das Ultra-Kurzzeitgedächtnis merkt sich, ob der linke oder rechte Fuß zuletzt vorne war und gibt ein Signal/einen Impuls an den jeweils anderen, den nächsten Schritt zu machen. Diese Information wird natürlich nicht ans Kurzzeitgedächtnis weitergeleitet. Sonst würden wir uns auf das Gehen konzentrieren (müssen), was wir in der Regel nicht tun, wenn wir kerngesund sind. Ähnlich ist es beim Lesen. Wenn wir lesen und beim zweiten Wort das erste schon wieder vergessen hätten, könnten wir keinen Textzusammenhang herstellen. Dank des Ultra-Kurzzeitgedächtnisses ist uns das aber im Normalfall leicht und automatisch möglich.

Das Ultra-Kurzzeitgedächtnis arbeitet rein elektrisch (es entstehen keine chemischen Reaktionen im Gehirn) und es hat für jede Sinnesmodalität eine spezifische Unterkategorie: Für die visuelle Wahrnehmung gibt es beispielweise das „ikonografische“ Gedächtnis, für die auditive Wahrnehmung das „echoische“ Gedächtnis.

Ein Beispiel für das auditive Ultra-Kurzzeitgedächtnis ist, wenn Du in der Lage bist, in einem Gespräch zuvor Gesagtes zu wiederholen, obwohl Du gar nicht richtig zugehört hast. Das bedeutet gleichzeitig, dass zentral gesteuerte Prozesse wie Bewusstsein oder Aufmerksamkeit für das Ultra-Kurzzeitgedächtnis keine bedeutende Rolle spielen. So arbeitet Dein sensorisches Gedächtnis.

Die dafür verantwortliche Region im Gehirn: Das Ultra-Kurzzeitgedächtnis findet direkt in den jeweiligen sensorischen Kortex-Arealen statt.

Wissenschaftler gehen davon aus, das visuelle Ultra-Kurzzeitgedächtnis speichert Informationen im Durchschnitt über etwa 15 Millisekunden, das auditive hingegen bis zu etwa zwei Sekunden.

Lernmethoden: So arbeitet Dein Arbeitsgedächtnis

Im Gegensatz zum Ultra-Kurzzeitgedächtnis spielen Bewusstsein und Aufmerksamkeit beim Übertragen von Informationen in das Arbeitsgedächtnis (und später in das Kurzzeitgedächtnis) eine bedeutende Rolle. Denn: Sowohl Arbeits- als auch Kurzzeitgedächtnis spiele eine zentrale Rolle bei der Wahrnehmung unserer täglichen Aufgaben. Wichtigste Eigenschaft des Arbeitsgedächtnisses: es hält eine eng begrenzte Menge von Informationen in einem unmittelbar verfügbaren Zustand bereit. Mit seiner Hilfe können wir uns Dinge, Namen oder Sachverhalten vergegenwärtigen und damit arbeiten.

Ein Beispiel: Wenn Du eine Telefonnummer liest, merkst Du sie Dir kurz, wählst sie und hast sie auch schon wieder vergessen, wenn der andere abhebt. Das Arbeitsgedächtnis ist dabei der Schlüssel zu Aufmerksamkeit und Konzentration. Nur durch das Arbeitsgedächtnis können wir uns kurzfristig an diese Telefonnummern erinnern, ein Gespräch zusammenfassen, Rechnen oder eine Mail formulieren. Eine Information im Arbeitsgedächtnis wird durchschnittlich 18 Sekunden lang gespeichert. Die Kapazität beträgt etwa 7 Sinneseinheiten oder Objekte. Das bedeutet, Du kannst eine willkürlich Folge von 6 bis 7 Zahlen (beispielsweise 9271534) oder Wörtern noch im Arbeitsgedächtnis halten. Von einer höheren Folge (beispielsweise 83640183649) behältst Du im Regelfall nur noch Bruchstücke. Das ist die Lernmethode Deines Arbeitsgedächtnisses.

Doch das Arbeitsgedächtnis hat noch komplexere Funktionen: Du nutzt es, um die Deine gegenwärtige Umwelt zu verstehen und um eine mentale Repräsentation von ihr herzustellen. Das wiederum hilft Dir tagtäglich bei logischen Schlussfolgerungen, Problemlösungsansätzen und beim schnellen Abwägen aktueller Ziele.

Die dafür verantwortliche Region im Gehirn: Das Arbeitsgedächtnis wird vor allem im präfrontalen Kortex (dem Stirnhirn) geleistet.

Lernmethoden: So arbeitet Dein Kurzzeitgedächtnis

Du nutzt Dein Kurzzeitgedächtnis und dessen Funktionen nahezu durchgängig. Denn ohne die Kernfunktion (es dient als Zwischenspeicher) könntest Du Dich erst gar nicht an Erfahrungen, Vorfälle und Ereignisse erinnern, die gerade erst geschehen sind. Allerdings ist die Speicherfunktion des Kurzzeitgedächtnisses begrenzt. Wenn Du zum Beispiel abgelenkt worden bist, werden kurzzeitig gespeicherte Informationen durch andere ersetzt. Dann vergisst Du schnell, was vorher geschehen ist. Es sei denn, das Erlebte war einschneidend und für Dich relevant. Aber der Reihe nach:

Im Unterschied zum Arbeitsgedächtnis kann Dein Kurzzeitgedächtnis Informationen für einige Stunden aufrechterhalten. Zudem dient es als Schutz für das Gehirn vor einer „Datenflut“. Deshalb werden rund 90 Prozent aller Informationen, die wir aufnehmen, wieder vergessen. Nur Wichtiges wird ins Langzeitgedächtnis weitergeleitet und kann später auch langfristig zurückerinnert werden. Generell gilt: Dein Kurzzeitgedächtnis arbeitet im Prinzip wie ein Sieb. Dir sinnlos oder unwichtig erscheinende Informationen gehen automatisch verloren. Dein Kurzzeitgedächtnis drückt also in bestimmten Intervallen die Reset-Taste. Wichtige oder interessante Informationen müssen daher eingeprägt und wiederholt werden, damit sie im Kurzzeitgedächtnis blieben und später ins Langzeitgedächtnis gelangen können.

Ein Beispiel: Du kannst Dir Dein Kurzzeitgedächtnis wie eine Art Stapel mit 7 Objekten vorstellen. Wird ein neues, achtes Objekt auf den Stapel gelegt, geht das unterste verloren. Das ist der natürlich Intervall. Durch Wiederholen kann verhindert werden, dass die Information, die langfristig gespeichert werden soll, aus dem Stapel verschwindet. Denn durch die erneute Wiederholung wird es gleichzeitig wieder oben auf den Stapel gelegt. Das bedeutet, Du musst Deinem Kurzzeitgedächtnis ganz bewusst Prioritäten vorgeben, damit Dir wichtige Dinge nicht wieder verloren gehen. Hast Du die Information oft genug wiederholt, weil sie wichtig und relevant für Dich ist, geht sie automatisch ins Langzeitgedächtnis über. Das ist die Lernmethode Deines Kurzzeitgedächtnisses.

Die dafür verantwortliche Region im Gehirn: Das Kurzzeitgedächtnis wird vom limbischen System und dabei insbesondere vom Hippocampus und angrenzenden Kortex-Arealen im Schläfenlappen geleistet.

Es gibt übrigens Faktoren, die die Arbeit des Kurzzeitgedächtnisses beeinflussen bzw. beeinträchtigen können. Dazu zählen zum Beispiel Stress, Angst, Überlastung, Alkohol, Krankheiten wie Depressionen und einige Medikamente.

Lernmethoden: So funktioniert der Hippocampus

Bei der Überführung vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis kommt nun der bereits oben erwähnte Hippocampus ins Spiel. Er ist die wichtigste Koordinierungsstelle für aktuell erworbene Eindrücke unterschiedlichster Herkunft. Hier werden Gerüche, Berührungen, akustische Informationen oder visuelle Eindrücke miteinander verknüpft und kurzfristig gespeichert. Die Nervenzellen, die das im Hippocampus gewährleisten, sind in Netzwerkverbänden organisiert, die untereinander kommunizieren und Informationen weiterleiten. Da das Fassungsvermögen des Hippocampus für Informationen begrenzt ist und unser Gehirn täglich einer Flut von neuen Eindrücken ausgesetzt ist, versucht es, möglichst schnell Informationen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis zu schieben – doch dafür musst Du auch selbst aktiv werden.

Lernmethoden: So arbeitet Dein Langzeitgedächtnis

Eins vorweg: Informationen, die einmal ins Langzeitgedächtnis gelangt sind, können über Tage, Wochen, Monate, Jahre und teilweise sogar ein ganzes Leben lang abgerufen werden. Denn alles, was von Deinem Gehirn als wichtig eingestuft wurde, landet im Langzeitgedächtnis. Dabei handelt es sich um Informationen wie Wissen, Erfahrungen und Eindrücke. Das Erstaunliche: Der Speicherplatz ist nach heutigem Wissen unbegrenzt. Genau wie die Speicherdauer. Es kann zwar vorkommen, dass Du Dich mal nicht an Inhalte erinnerst, die einmal im Langzeitgedächtnis abgelegt wurden – doch dann ist lediglich der Zugang versperrt. Diese Inhalte sind trotzdem noch vorhanden und können schnell wieder aufgefrischt werden.

Ein Beispiel: Fahrradfahren verlernst Du niemals grundsätzlich, nur weil Du lange nicht mehr auf einem gesessen hast. Sobald Du Dich nach einer längeren Zeit wieder in den Sattel schwingst, ist das vielleicht einige Momente lang eine wacklige Angelegenheit. Doch dann zünden die neuronalen Verbindungen wieder – und Du fährst Fahrrad wie eh und je.

Entgegen der langläufigen Meinung ist das Langzeitgedächtnis dabei nicht mit der Festplatte eines Computers vergleichbar. Denn im Gegensatz zu einem starren Computersystem ist Dein Langzeitgedächtnis dynamisch. Das bedeutet, es speichert Inhalte nicht nebeneinander ab und löscht sie, falls Du sie nicht mehr benötigst, sondern neu eintreffende Informationen werden in bereits bestehende integriert und mit ihnen verwoben. Wenn Du also etwas Neues lernst, verändert sich Dein Gehirn, indem in bestimmten Regionen neue Nervenzellen und neue Verbindungen zwischen den Zellen entstehen. Damit verändert sich auch die Kapazität Deines Gehirns.

Die dafür verantwortliche Region im Gehirn: Das Langzeitgedächtnis durchzieht den ganzen Kortex (Großhirnrinde).

Unterteilt wird das Langzeitgedächtnis in ein

  • „deklaratives“ (Wissensgedächtnis) und ein
  • „prozedurales“ (Verhaltensgedächtnis)

Das Wissensgedächtnis speichert Tatsachen und Ereignisse, die bewusst wiedergegeben werden können. Es ist wiederum unterteilt in ein

  • semantisches (es enthält von Personen unabhängige Fakten) und ein
  • episodisches Gedächtnis (es enthält Ereignisse aus dem eigenen Leben)

Beispiele für semantisches Gedächtnis sind Aussagen wie „Berlin ist die Hauptstadt von Deutschland“, „Englisch ist eine Weltsprache“ oder „1 + 1 = 2“. Beispiele für episodisches Gedächtnis wären zum Beispiel der im Sandkasten wiedergefundene Teddybär, das schönste Tor im Fußballverein oder der großartige Badeurlaub im Sommer 1982.

Das Verhaltensgedächtnis hat alles abgespeichert, was Du an Handlungsabläufen und Fertigkeiten einmal automatisiert hast: Gehen, Autofahren, Singen, Tanzen, Gitarre spielen, Tennis, etc.. Das Verhaltensgedächtnis umfasst also komplexe Abläufe, die Du in Deinem Leben so lange trainiert hast, bis Du sie abrufen kannst, ohne darüber nachzudenken. Das sind die Lernmethoden Deines Langzeitgedächtnisses.

Jetzt kommt’s: Genau da greifen die Lernmethoden, die Du Dir zunutze machen kannst. Denn durch Lernmethoden ermöglichst Du Deinem Gehirn, das neue Wissen in genau diese Unterkategorie des Langzeitgedächtnisses zu speichern – nämlich ins Verhaltensgedächtnis. So hast Du gewährleistet, dass es gesichert bleibt und jederzeit wieder abrufbar ist. Du kannst diese Information für eine stetige Optimierung in Deinem Leben nutzen und Dir immer sicher sein, dass es für Dich bereit liegt, wann auch immer Du es gerade benötigst.

Zusammengefasst bedeutet das: Dein Gehirn bewertet Informationen auf verschiedene Weise und legt sie in verschiedenen Ebenen ab. Nun weißt, wie Du diese bestimmten Arbeitsweisen Deines Gehirns nutzen kannst, damit Dein neues Wissen im Langzeitgedächtnis ankommt. Du kannst Deinem Gehirn also aktiv dabei helfen, es durch alle entsprechenden Instanzen so lange weiterzuleiten, bis sie dort landen, wo Du Dein ganzes Leben lang Zugriff darauf haben kannst.

Deshalb freuen wir uns schon jetzt darauf, Dir bald ein paar konkrete Lernmethoden zum Ausprobieren vorzustellen – damit Du sie in den größten und sichersten Speicher der Welt legen kannst: in dein Langzeitgedächtnis.