20.11.2017

Martin Henning

Was ist Stress und wie entsteht er?

Martin Henning

Was ist Stress und wie entsteht er?

Stress ist eine der nationalen Volkskrankheiten des noch jungen 21. Jahrhunderts. Vom Kind über den Arbeitnehmer bis zur Hauskatze – Kaum ein deutscher Bürger scheint nicht von mentaler Anspannung betroffen zu sein. Die gesundheitlichen Folgen reichen von psychischen Erkrankungen wie Burnout und Depressionen bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Migräne und Schlafstörungen. 53 Millionen Fehltage jährlich gehen auf das Konto von psychischer Anspannung, der Produktionsausfall beläuft sich auf 6 Milliarden Euro. Grund genug für wellbo, einen Blick auf das Krankheitsbild Stress zu werfen.

In Zeiten von Perfektionsdenken, Multitasking und Termindruck ist Stress ein ständig wiederkehrender Begriff. Ursprünglich aus der Physik kommend (in der Werkstoffkunde bezeichnet man den Zug oder Druck auf ein Material als Stress), hat die Vokabel sich mittlerweile als Bezeichnung für mentale Anspannung etabliert.

Einen bedeutenden Teil nimmt dabei der arbeitsbedingte Stress ein. Die EU-Kommission definiert diesen als „Gesamtheit emotionaler, kognitiver, verhaltensmäßiger und physiologischer Reaktionen auf widrige und schädliche Aspekte des Arbeitsinhalts, der Arbeitsorganisation und der Arbeitsumgebung. Dieser Zustand ist durch starke Erregung und starkes Unbehagen, oft auch durch ein Gefühl des Überfordertseins charakterisiert.“  

Durch den Fortschritt der Kommunikations- und Informationstechnologien können Aufgabenbewältigung und Informationsaustausch heute schneller vonstatten gehen denn je. Damit einher geht ein gestiegenes Anspruchsdenken an die zu verrichtende Arbeit und in Folge ein höherer Verantwortungsdruck. Die Intensität und Informationsdichte heutiger Aufgaben führt bei vielen Beschäftigten dazu, dass sie nach der Arbeit schwer oder gar nicht abschalten können. Diese „Erholungsunfähigkeit“ ist in Bezug auf Stress am Arbeitsplatz ein wesentlicher Faktor.

Schon Grundschüler leiden an Stress

Die gestiegene Anspruchshaltung ist jedoch nicht bloß Thema im Job, sondern zieht sich durch sämtliche Altersschichten. Der damit verbundene Stress macht mittlerweile nicht einmal mehr vor Grundschülern halt. Eine repräsentative Umfrage des Deutschen Kinderschutzbundes und des Prosoz-Institutes für Sozialforschung im November 2012 ergab: Ein Drittel aller Zweit- und Drittklässler klagt über Stress in der Schule, knapp zwei Drittel wünschen sich mehr Erholung – eine Entwicklung, zu der die PISA-Studien nicht unwesentlich beigetragen haben dürften.

Wer hofft, nach erfolgreichem Schulabschluss wie einst die Eltern ins entspannte Studentenleben einzutauchen, wird ebenfalls meist enttäuscht: Auch Stress im Studium hat deutlich zugenommen. Im Zuge des 1999 unterzeichneten Bologna-Prozesses sind die Anforderungen an Studenten merklich gewachsen, Bachelor- und Masterabsolventen investieren meist deutlich mehr Lernzeit als ihre Diplom-Kollegen. Die Belastung an den Hochschulen ist so groß, dass laut Experteneinschätzungen bei 83 Prozent der deutschen Studenten eine Tendenz zur Überlastung und psychischen Erschöpfung vorliegt. Mittlerweile greift jeder Zehnte zwecks Stressbewältigung zu Psychopharmaka; die Quote derjenigen, die im Studium einen Therapeuten aufsuchen, ist etwa doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Angestellten und Arbeitern.

Auch im Studium ist Stress allgegenwärtig

 

Wie entsteht Stress?

Doch wie entsteht Stress genau? Stress ist eine natürliche Reaktion des menschlichen Körpers und ein evolutionsbiologisches Überbleibsel. Wird die Umwelt über die Sinnesorgane als bedrohlich wahrgenommen, wechselt der Körper durch die Freisetzung von Stresshormonen in Alarmbereitschaft und damit in einen Zustand erhöhter Leistungsfähigkeit. Energiereserven aus Zucker und Fett werden mobilisiert, Blutdruck und Pulsfrequenz erhöhen sich, die Atmung wird beschleunigt, Muskeln spannen an. Um die Funktionsfähigkeit des Körpers in diesen Extremsituationen zu gewährleisten, fahren Immunabwehr, Verdauung und Sexualfunktionen herunter.

Dies geht auch mit einer Verminderung der regenerativen Funktionen einher. Die Folge: Der Körper wird belastet. Zwar kann positiver Stress (der sogenannte Eustress), den man z.B. im Sport erlebt, auch positive Effekte haben. (Negativer) Dauerstress, wie er am Arbeitsplatz, in der Schule und im Studium oft vorherrscht, wirkt sich jedoch immer schädlich auf Körper und Psyche aus.

Erfolgt kein effektives Stress Management, können schlimmstenfalls sogenannte Traumata ausgelöst werden. Betroffene Personen können erlebten Extremstress nicht verarbeiten und sind dadurch dauerhaft psychisch belastet. Als bekanntes Beispiel gelten Kriegsveteranen, bei denen bereits einzelne Geräusche vergangene Erlebnisse in Form von „Flashbacks“ ins Bewusstsein zurückholen und extreme körperliche Stressreaktionen hervorrufen.

Die Körperreaktionen auf Stressreize (sogenannte Stressoren) erfolgen auf kognitiver, emotionaler, vegetativ-hormoneller und muskulärer Ebene. Ob und wie stark eine Person auf Situationen mit Stress reagiert, hängt mit den Vorerfahrungen zusammen, die in diesem Zusammenhang gemacht wurden. Auch sind die dabei erlernten individuellen Bewältigungsstrategien – Muster, wie entstehende Probleme gelöst werden – essentiell. Nicht zuletzt entscheiden Dauer, Intensität und Anzahl der Stressoren darüber, ob bei einer Person Stress entsteht.

Wichtigster Wegbereiter der Stressforschung ist der österreichisch-kanadische Mediziner Hans Selye (1907-1982), der den Begriff Stress 1936 als Bezeichnung für mentale Anspannung etablierte. In seiner Karriere veröffentlichte der Arzt mit ungarischen Wurzeln mehr als 1.700 Arbeiten und 39 Bücher zum Thema. Zudem wurde er in mehr als 362.000 Arbeiten zitiert. Viele aktuelle Stresstheorien lassen sich auf Selyes berühmte Theorie des Allgemeinen Anpassungssyndroms zurückführen.

Richtiges Stress Management ist elementar

Bei der Stressprophylaxe kommt dem richtigen Stress Management eine entscheidende Bedeutung zu. Es geht nicht nur darum, sich für Stresssituationen Bewältigungsstrategien zurechtzulegen, sondern in Job und Alltag auch aktiv der psychischen Anspannung entgegenzuwirken.

In unserer Rubrik "Stress" erfahren Sie alles Wissenswerte über die Entstehung sowie die Folgen von Stress – und wie Sie der mentalen Anspannung erfolgreich den Garaus machen.

 

Bildquelle: CollegeDegrees360, http://www.flickr.com/photos/83633410@N07/7658305438/sizes/z/in/photostream/ und topgold, http://www.flickr.com/photos/topgold/6273248505/sizes/o/in/photostream/

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