29.05.2017

Martin Henning

Diät-Trends 2016: Die Steinzeit-Diät

Martin Henning

Diät-Trends 2016: Die Steinzeit-Diät

In den kommenden Wochen stellt Ihnen wellbo die Diät-Trends des Jahres 2013 vor. Welche neuen Abnehmmethoden schaffen den Weg nach Deutschland? Welche Vorteile und Nachteile haben sie? Und halten sie auch das, was sie versprechen? Teil 1: Die Steinzeit-Diät.

Jeremy White wollte eigentlich nur eine Lebensversicherung abschließen. Im August 2012 reichte der 29-jährige IT-Angestellte aus Wales einen entsprechenden Antrag bei einer Versicherung ein. Diese wies den Antrag jedoch umgehend zurück. Begründung: White sei „krankhaft übergewichtig“.

Der EDV-Berater wog zu diesem Zeitpunkt 130 Kilogramm und kümmerte sich bis dahin eher wenig um eine ausgewogene Ernährung. Der abgelehnte Antrag führte jedoch zu einem Lebenswandel: „Da wusste ich, dass ich etwas an mir ändern muss“, gab er später gegenüber dem walisischen Newsportal „Wales Online“ zu Protokoll. Mithilfe der sogenannten Steinzeit-Diät nahm der 29-Jährige innerhalb von nur acht Monaten 50 Kilogramm Gewicht ab.

Solche und andere Geschichten werden meist um die Jahreswende publik, denn vor allem zum Anfang eines jeden Jahres machen Abnehmmethoden die Runde. Die Steinzeit-Diät, auch als Steinzeiternährung oder Paleo-Diät bezeichnet, stellt dabei eine konsequente Weiterentwicklung der Low-Carb-Diät dar: Gegessen wird nur das, was auch schon in der Steinzeit (Paläolithikum) verzehrt wurde. Während also Fisch, Fleisch, Meeresfrüchte, Schalentiere, Eier, Beeren, Gemüse, Nüsse, Honig und Kräuter (sowie in bestimmten Kulturkreisen auch Insekten) auf dem Teller landen, sind Milch und Milchprodukte, Getreide und Getreideerzeugnisse, industriell verarbeitete Produkte und Lebensmittel, die ohne Verarbeitung ungenießbar wären, tabu.

Die Begründung: Nur so werde man den Ansprüchen des Menschen gerecht. Denn während sich Technologie und Wissenschaft rasant weiterentwickeln, habe sich das menschliche Erbgut seit dem Ende der Altsteinzeit vor etwa 40.000 Jahren nur um etwa 0,02 Prozent verändert. Lebensmittel wie Brot, Zucker, Milch oder Fertiggerichte könnten daher nicht gut verarbeitet werden und führten letztlich zu Zivilisationskrankheiten wie Fettleibigkeit, Diabetes und Krebs. Die richtige Ernährung sei jene, die über die größte Zeitspanne der menschlichen Evolution vorherrschte – also die Ernährung der Steinzeitmenschen (die ältesten von ihnen lebten vor etwa 2,6 Millionen Jahren).

Verzicht für eine bessere Gesundheit

Trotz des Verzichts auf Getreide und Getreideprodukte ist der Anteil an aufgenommenen Kohlenhydraten bei der Steinzeiternährung größer als bei der Low-Carb-Diät. Während die Nährstoffverteilung von Eiweiß, Kohlenhydraten und Fett bei Low Carb gewöhnlich 35, 5 und 60 Prozent beträgt, werden bei der Paleo-Diät typischerweise 35 Prozent Eiweiß, 45 Prozent Kohlenhydrate und 20 Prozent Fett zugeführt. Die Aufnahme von Kohlenhydraten erfolgt hier vor allem durch den Verzehr von Obst und Honig.

Zu den Befürwortern der Steinzeit-Diät gehören die renommierten US-Wissenschaftler Boyd Eaton und Loren Cordain. Eaton veröffentlichte, aufbauend auf den Thesen des Gastroenterologen Walter L. Voegtlin, 1985 einen Aufsatz im „New England Journal of Medicine“, in dem er sich der urzeitlichen Ernährung widmete. 1988 folgte das Buch „Paleolithic Prescription“, das die Paleo-Diät einer breiten Öffentlichkeit bekanntmachte. Cordain publizierte in den 1990er Jahren mehrere Studien zum Thema und gilt heute als der bekannteste Vertreter der Steinzeit-Diät. In Deutschland beschäftigt sich vor allem der Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm mit dem Sujet. 2000 erschienen sein Buch „Syndrom X oder Ein Mammut auf den Teller! Mit Steinzeitdiät aus der Wohlstandsfalle“.

Inzwischen ist die Paleo-Diät aus dem Schatten anderer Abnehmmethoden herausgetreten. Erste Untersuchungen scheinen sie in ihrer Wirksamkeit zu bestätigen. Das „Journal of Diabetes Science and Technology“ wies 2009 ein vermindertes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einen positiven Einfluss auf die Blutzuckerwerte nach. Schwedische Wissenschaftler stellten in einer Studie zudem fest, dass die Steinzeiternährung pro Kalorie sättigender ist als die als besonders gesund geltende Mittelmeer-Diät. Menschen, die sich wie Steinzeitmenschen ernährten, litten daher weniger an Übergewicht, lautete das Fazit.

Eskimos und andere Urvölker greifen auf Steinzeiternährung zurück

Unterstützung erhalten diese Thesen durch die Demographie noch heute existierender Urvölker und –stämme, die unter ähnlichen Bedingungen wie ihre Vorfahren leben. Die Eskimos beispielsweise beziehen ihre Nahrung fast ausschließlich aus tierischen Quellen (vor allem Fisch und Walfleisch stehen hier auf dem Speiseplan). Sie leiden weder unter Übergewicht, noch unter Zivilisationskrankheiten wie hohem Blutdruck oder Krebs. Gleiches gilt für das Volk der Kitavan aus dem Inselstaat Melanesien (Pazifik): Die Einwohner essen zwar wenig Fleisch, verzichten aber auch auf Getreideprodukte und industriell hergestellte Lebensmittel. Ihre Ernährung besteht größtenteils aus Früchten, Kokosnüssen, Gemüse und Knollen.

Die Steinzeiternährung setzt auf Natur pur

Doch es gibt ebenso Urvölker, die diese Theorien widerlegen. Ostafrikanische Massai beziehen ihre Nährstoffe zu 60 bis 90 Prozent aus Zeburindmilch – nach den Maßstäben der Paleo-Befürworter müssten sie längst ausgestorben sein. Doch das Gegenteil ist der Fall: Sie bleiben nicht nur verschont von Zivilisationskrankheiten, sondern leiden in Folge der kalziumreichen Ernährung auch seltener an Karies. Auch die Tarahumara-Indianer im Nordwesten Mexikos ernähren sich entgegen der Empfehlungen von Loren Cordain und seinen Kollegen. 90 Prozent ihres Essens besteht aus Hülsenfrüchten und Getreide, dennoch ist ihr Gesundheitszustand überdurchschnittlich gut.

Kritiker bemängeln nicht zeitgemäße Ernährung

Hier klinken sich die zahlreichen Kritiker der Steinzeit-Diät ein. Sie bezweifeln die Validität der Studien, die einen positiven Effekt der Paleo-Ernährung nachweisen, und bezeichnen die Aussagen zur Ernährung in der Steinzeit und ihren Nutzen für die Gesundheitals rein hypothetisch. Eine genaue Rekonstruktion der Ernährungsweise von Steinzeitmenschen sei heute nicht mehr möglich. Überdies sei es sehr unwahrscheinlich, dass es in einem Zeitraum von 2,6 Millionen Jahren „den einen“, typischen Speiseplan gegeben habe.

Doch allein der Fakt, dass heute nicht mehr gejagt und in Unterkünften ohne Heizung und Sanitäranlagen gelebt werden müsse, spreche gegen eine solche Esskultur – schließlich sei der Energieverbrauch eines Angestellten heute viel geringer als der eines Jägers, der den gesamten Tag nach Essen Ausschau halten und sich vor Raubtieren in Acht nehmen musste.

Insgesamt beinhalte eine Ernährung nach Vorbild der Urmenschen einen viel zu hohen Kalorien- und Fleischanteil, meinen Experten. Laut der Steinzeitdiät sollen Frauen etwa 130 Gramm Proteine pro Tag zu sich nehmen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt allerdings einen Richtwert von 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht. Eine 65 Kilogramm schwere Frau benötigt laut DGE also nur 52 Gramm Eiweiß täglich. Eine Mehrversorgung könne zu Gicht, Nierensteinen und (hier widerspricht man der Studie des Journal of Diabetes Science and Technology) Arteriosklerose führen, heißt es.

Befürworter der Paleo-Diät – so die Kritiker – verkannten außerdem, dass dem Jäger aus der Vorzeit nicht unbegrenzt Fleisch zur Verfügung stand; dieser musste sich ernährungstechnisch dem anpassen, was Umwelt und Jagdglück hergaben. Ohnehin werde nicht berücksichtigt, dass sich der Mensch im Laufe der Zeit an seine Umwelt und er seine Umwelt auch an sich angepasst habe. Ergebnis: Ein Großteil der Europäer, Amerikaner und Australier kann heute Laktose (Milchzucker) verdauen. Dies ist der Domestizierung von Nutztieren ab ca. 8000 v. Chr. geschuldet.

Streitpunkt Lebenserwartung

Kritiker der Steinzeiternährung sind überzeugt, dass der Mensch durch den langen Anpassungsprozess heutzutage auch Milch und Getreide verträgt und ein Verzicht auf diese Lebensmittel daher ungesund ist. Hinzu kommt: Die These, dass die menschliche DNA sich seit 40.000 Jahren nicht verändert habe, ist mittlerweile auch wissenschaftlich widerlegt. Forscher haben etwa 700 genetische Veränderungen gefunden, die in den letzten 10.000 Jahren aufgetreten sind.

Ein Punkt, bei dem es zwischen Befürwortern und Gegnern der Abnehmmethode immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten kommt, ist die Einbeziehung der damaligen Lebenserwartung in die Diskussion. Kritiker der Paleo-Ernährung verweisen darauf, dass Steinzeitmenschen im Durchschnitt nur 25 Jahre alt wurden, was zu einem guten Teil auch mit der damaligen Ernährung zu tun habe. Befürworter entgegnen, dass dies nicht der Ernährung, sondern den damaligen Lebensumständen – Wohnen in behelfsmäßigen Unterkünften ohne Heizung und Sanitäranlagen, keine medizinische Betreuung, Bedrohung durch Raubtiere – geschuldet gewesen sei.

Paleo-Diät ist bislang kaum erforscht

Doch auch die Lebenserwartung heute lebender Ethnien, die nach dem Prinzip der Steinzeitmenschen verfahren, aber den lebensverkürzenden Faktoren kaum oder gar nicht mehr ausgesetzt sind, ist deutlich niedriger als jene der Industriestaaten, argumentieren die Kritiker. Wissenschaftler wie Cordain betonen dagegen, dass dies mit der nach wie vor hohen Säuglingssterblichkeit zu tun habe, die das tatsächliche Durchschnittsalter der Urvölker verzerre.  

Fakt ist: Die Wirkung der Steinzeit-Diät auf den menschlichen Körper ist bislang kaum erforscht. Einige Aspekte, zum Beispiel der Verweis auf den Lebensstil heutiger Urvölker, können sowohl zugunsten der Paleo-Ernährung als auch gegen sie ausgelegt werden. Zahlreiche positive Reaktionen in Foren und auf Internetportalen lassen den Schluss zu, dass die Abnehmmethode den Gewichtsverlust durchaus begünstigen kann. Zudem ist das Bestreben, auf industriell gefertigte Nahrung zu verzichten, auch aus wissenschaftlicher Sicht erstrebenswert.

Fraglich bleibt jedoch der Verzicht auf Getreide- und Milchprodukte. Eine ausgewogene Ernährung erscheint unter diesen Voraussetzungen ungleich schwieriger. Hier bedarf es genauer Planung und – zumindest bei längerer oder dauerhafter Anwendung – der Rücksprache mit dem Hausarzt, um Krankheiten vorzubeugen und sonstige Gesundheitsrisiken zu minimieren. Im Zweifelsfall gilt es, auf seinen Körper zu hören; der Bedarf an Nährstoffen ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Einen Beitrag kann die Steinzeit-Diät in jedem Fall leisten: Sollte sie dazu führen, auf Fast Food und andere industriell verarbeitete Dickmacher zu verzichten, hätte sie ihren Dienst bereits getan.

 

Bildquelle: TummyRumble, http://www.flickr.com/photos/50496541@N03/8335027559/sizes/z/in/photostream/  und  foto_ch, http://www.flickr.com/photos/foto_ch/2354335686/sizes/z/in/photostream/

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