24.03.2017

Martin Henning

Stevia – Ein echter Ersatz für Zucker?

Martin Henning

Stevia – Ein echter Ersatz für Zucker?

Seit Dezember 2011 ist das Stoffgemisch Stevia offiziell als Süßungsmittel in der Europäischen Union zugelassen. Ihm haftet ein äußerst positives Image an – süßer als Zucker, ohne Kalorien, für Diabetiker geeignet und schonend für die Zähne. Wundermittel und künftiger Zuckerersatz? Oder Augenwischerei und Zusatzstoff ohne Berechtigung? Wir klären Sie auf.

Wer die Pflanze Stevia rebaudiana („Süßkraut“), aus der das Stoffgemisch gewonnen wird, einmal in Natura wachsen sehen möchte, muss weit reisen. Die Staude wächst ausschließlich im Gebiet der Amambai-Bergkette zwischen Paraguay und Brasilien. Deren süßende Wirkung soll den dort lebenden indigenen Bewohnern schon seit Jahrhunderten bekannt sein. Der Durchschnittseuropäer hat dagegen erst deutlich später – im Zuge der medialen Berichterstattung – von dem angeblichen Wundermittel erfahren, das die Ureinwohner Südamerikas sowohl bei der Zubereitung von Speisen und Getränken als auch zur Heilung von Krankheiten benutzten.

Offiziell in der EU zugelassen wird Stevia am 2. Dezember 2011. Dem voraus geht eine jahrzehntelange Kontroverse, ob sich das Süßungsmittel tatsächlich als Zuckerersatzstoff eignet. Denn bereits 1982 – zu dieser Zeit wird Stevia erst in Japan und China konsumiert – kommen der amerikanische Wissenschaftler P.J. Medon und seine Kollegen nach Untersuchungen zum Schluss, dass Steviol, eine in der Steviapflanze enthaltene chemische Verbindung, durch Mutationen das Erbgut des menschlichen Organismus verändert. Dies wird 1985 durch Untersuchungen des Forschers John M. Pezzuto und seinen Kollegen bestätigt. Pikant: Die 1985er-Studie wird von der Firma Monsanto finanziert, die den Süßstoff Aspartam herstellt.

In den folgenden zwei Jahrzehnten haftet Stevia das Image eines krebserregenden Ersatzstoffes an. Auch der vergleichsweise bittere Geschmack des Stoffgemischs sorgt für einen schlechten Ruf. Bis zu besagtem 2. Dezember im Jahr 2011 darf es daher (mit Ausnahme Frankreichs) nur als kosmetisches Produkt verkauft werden, was einige Verbraucher trotzdem nicht daran hindert, den Inhaltsstoff zum Süßen von Speisen und Getränken zu benutzen. In der Zwischenzeit erkennen auch die Lebensmittelhersteller den Wert des Zuckerersatzstoffes. 2007 reicht Coca Cola 24 Patente bezüglich Stevia als Süßungsmittel ein.

Krebserregende Wirkung widerlegt

Nachdem weitere Untersuchungen keine krebserregenden oder sonstigen Auswirkungen auf den menschlichen Organismus nachweisen, sondern dem Süßstoff sogar herzstärkende, blutdrucksenkende, plaquehemmende und – ironischerweise – krebsverhindernde Eigenschaften zuweisen, kommt Bewegung in die Zulassungsfrage. Die Konzerne Coca Cola und Cargill legen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) diese Erkenntnisse vor. Nachdem das Gutachten der EFSA im April 2010 positiv ausfällt, wird der Antrag an die EU-Kommission weitergeleitet. Diese entscheidet eineinhalb Jahre später, dass Stevia beziehungsweise die in der Pflanze enthaltenen Steviolglycoside in Gesamteuropa als Zuckerersatzstoff verwendet werden dürfen.

Doch wieso sind Unternehmen wie Coca Cola so bestrebt, Stevia als Süßstoff verwenden zu dürfen? Natürlich spielen auch die herzschützenden, plaquehemmenden und krebsverhindernden Eigenschaften eine Rolle. Vielmehr jedoch ist die Tatsache relevant, dass Stevia keine Kalorien enthält. Süße genießen zu können, ohne zuzunehmen, ist der Traum von Milliarden Menschen auf der ganzen Welt.

Die Hoffnung der Süßigkeiten-Liebhaber

Zudem geht man davon aus, dass das aus der Pflanze extrahierte Steviosid 300- bis 450-mal so süß ist wie herkömmlicher Zucker. Der Verbrauch an Süßungsmitteln würde durch den Einsatz von Stevia also erheblich sinken. Auch Diabetiker sollen positiv auf Stevia ansprechen, somit ergibt sich für die Süßwarenhersteller eine neue Zielgruppe. Was den bitteren Geschmack des Stoffgemischs betrifft, der vor allem bei höherer Dosierung auftritt, arbeiten Wissenschaftler bereits an einer genetischen Modifizierung der Pflanze. Momentan noch wird die Pflanzenmasse mithilfe von Enzymen zerlegt, extrahiert, gereinigt und anschließend getrocknet – eine durchaus aufwändige Prozedur.

Trotz aller positiven Attribute, die Stevia mittlerweile zugeordnet werden, empfiehlt die EU weiterhin, beim Verzehr des Ersatzstoffes 250 Milligramm pro Tag nicht zu überschreiten. Dies ist weniger, als man für die Süßung von Cola oder Limonade benötigt. Da die Getränkehersteller nicht davon ausgehen können, dass die Konsumenten täglich nur ein Glas ihres Produktes zu sich nehmen, ist Umdenken gefragt. Experten gehen davon aus, dass die Hersteller künftig auf eine Süßstoff-Kombination mit anderen Zuckerersatzstoffen (zum Beispiel Aspartam oder Saccharin) setzen werden.

Dass Stevia kalorienfrei ist, wird übrigens nicht von Jedem als positiver Aspekt aufgenommen. Einige Ernährungsexperten befürchten, dass durch den Konsum die Gewichtszunahme sogar begünstigt werden kann. Der Grund: Da der Zuckerersatzstoff keine Kalorien besitzt, sättigt er nicht. Wer Stevia zu sich nimmt, verspürt also anschließend eventuell immer noch das Bedürfnis, etwas Süßes zu essen. Es wird erneut auf Zucker zurückgegriffen – und der Teufelskreis aus Verlangen und Hüftspeck geht von vorne los. Es ist also davon auszugehen, dass Stevia den herkömmlichen Zucker in naher Zukunft nicht vollständig ersetzen werden kann.

Bildquelle: hardworkinghippy, http://www.flickr.com/photos/hardworkinghippy/2634432687/
 

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