24.10.2017

Mark Kornke

Ayurveda-Ernährung – Die Weisheit des Essens

Mark Kornke

Ayurveda-Ernährung – Die Weisheit des Essens

Im europäischen Raum erfüllt die Ernährung meist einen ganz pragmatischen Zweck: Wir essen, um satt zu werden. Anders sieht die Sache in Asien aus. In Ländern wie Indien, Nepal und Sri Lanka ist die Ernährung ein essentieller Teil des Ayurveda, einer traditionellen indischen Heilkunst. Hier geht es nicht darum, sich völlig satt zu essen, sondern durch Nahrung die Energien im Körper auszugleichen. Essen wird als Geschenk betrachtet, das hilft, Körper und Geist gesund zu erhalten. Dieses Verständnis von Leib und Seele hat eine lange Tradition: Ayurveda ist das älteste überlieferte Gesundheitssystem.

3000 Jahre alt sollen die ältesten bekannten Aufzeichnungen (Agnivesha Tantra) über die Heilmethode sein; Experten schätzen, dass die indische Heilkunst seit mindestens 5000 Jahren praktiziert wird. Wie der Name impliziert, findet sich der Ursprung des Ayurveda in der vedischen Hochkultur Altindiens. Mit dem Untergang dieser gingen im Laufe der Jahrtausende auch viele Aspekte des Ayurveda-Ernährung verloren. Dennoch spielt es auch heute noch eine wichtige Rolle im Versorgungssystem der indischen Einwohner.

In Europa ist die Heilmethode dagegen eher wenig verbreitet. Kein Wunder also, dass ayurvedische Ernährung nur wenigen Leuten ein Begriff ist. Obwohl Außenstehende Ayurveda eher mit Esoterik oder Aberglaube in Verbindung bringen, ist es gerade die Kunst des richtigen Essens, die einen zentralen Faktor in der indischen Heilkunst darstellt.

Basis der Ayurveda-Ernährung ist die Annahme, dass das subjektive Empfinden eines Menschen wichtiger ist als die Inhaltsstoffe der Nahrung. Dementsprechend sollte das Essen immer auf den einzelnen Menschen und seine Bedürfnisse eingestellt sein. Fette, Eiweiße, Kohlenhydrate, Vitamine und Kalorien spielen keine Rolle. Wer sich gemäß der Heilmethode ernähren möchte, muss also lernen, die Wünsche des eigenen Körpers zu erkennen und seine Lebensmittel entsprechend auswählen.

Die Doshas des Ayurveda

Auf dem Weg dorthin ist es hilfreich, sich über seine eigene Konstitution im Klaren zu sein. Grundlage für diese Erkenntnis sind die sogenannten Doshas, wörtlich übersetzt „den Körper beeinflussende Faktoren“. Man unterscheidet den Typ Vata, Pitta und Kapha. Diese Temperamente oder Lebensenergien kommen in jedem Organismus vor; meist dominieren ein oder zwei Faktoren. Welches Dosha nun vorherrschend ist, hängt vom jeweiligen Typ ab, wichtig ist jedoch: In einem gesunden Körper befinden sich die Energien relativ zur Konstitution im Gleichgewicht. Die richtige „Mischung“ des Individuums wird aus seinem astrologischen Horoskop (Prakriti-Analyse) abgeleitet.

Vata („sich bewegen“) als wichtigster Bestandteil des Dosha-Komplexes ist für alle psychischen und physischen Bewegungsabläufe im Körper verantwortlich. Es besteht aus den Elementen (Panchamahabhutas) Luft und Äther. Das Grundprinzip im Vata ist Veränderung. Vata-Typen haben einen leichten Körperbau und wiegen vergleichsweise wenig. Sie sind begeisterungsfähig, gehen Dinge schnell an und zeichnen sich sowohl durch schnelle Auffassungsgabe als auch durch ein gutes Kurzzeitgedächtnis aus. Dafür neigen Sie zu trockener Haut und haben daher eine Abneigung gegen kaltes und windiges Wetter. Außerdem haben Sie einen unregelmäßigen Hunger, eine unregelmäßige Verdauung und neigen zur Verstopfung. Auch machen sich bei ihnen eher Sorgen und Kummer sowie ein leichter und unterbrochener Schlaf breit.

Pitta und Kapha

Das Ayurveda-Dosha Pitta bedeutet „sich erhitzen“ und besteht aus den Elementen Feuer und Wasser. Das Grundprinzip hier ist die Umwandlung. Durch seine Nähe zur Sonne ist es für alle biochemischen Aktivitäten verantwortlich, inklusive der Erzeugung von Wärme. Pitta-Typen verfügen über einen mittelschweren Körperbau, einen starken Hunger und eine gute Verdauung. Sie bevorzugen kalte Speisen und kühle Getränke. Durch ihre Neigung zu Muttermalen und Sommersprossen meiden sie die Hitze. Charakterlich zeichnen sie sich durch Unternehmungslust und Mut aus; sie sind aber auch ungeduldig und leicht erregbar. Pitta-Typen gehen Dinge mit mittlerer Geschwindigkeit, aber sehr systematisch und organisiert an. Sie haben eine mittlere Auffassungsgabe und ein durchschnittliches Gedächtnis, sind gute Redner und geben Erlerntes systematisch wieder.

Das dritte Dosha des Ayurveda, Kapha, zeichnet verantwortlich für innere Stabilität, Gelassenheit, Zusammenhalt, Ausdauer und Kraft. Außerdem ist es determinierend für Knochen, Zähne und Nägel. Die zugehörigen Elemente Wasser und Erde wirken sich beeinflussend auf den Kapha-Typ aus: Er ist nur schwer aus der Ruhe zu bringen. Schwer ist er auch im physischen Sinn - sein stabiler Körper neigt zu Übergewicht. Er verfügt über kräftiges, meist dunkles Haar, aber auch über glatte und fettige Haut. Personen mit dominierendem Kapha haben ein geringes Hungergefühl und langsame Verdauung, außerdem schlafen sie tief und lange. Sie zeichnen sich durch große Stärke und Ausdauer aus. Zudem gehen sie Dinge langsam und methodisch an. Ihre Auffassungsgabe ist dementsprechend langsamer, dafür verfügen sie über ein sehr gutes Langzeitgedächtnis. Alles in allem haben sie eine ruhige und beständige Persönlichkeit.

Einheit von Körper, Sinnen, Verstand und Seele

Neben den drei Doshas tragen auch die sieben Basisstoffe Rasa, Rakta, Mansa, Meda, Asthi, Majja und Shukra sowie die Abfallstoffe Fäkalien, Urin und Schweiß zur Beschaffenheit des Menschen bei. Zusammen bilden sie die „Body Matrix“, die Einheit von Körper, Sinnen, Verstand und Seele. Sowohl die positive Entwicklung als auch der Verfall der Body Matrix hängt mit der Nahrung zusammen, die in Doshas, Basisstoffe und Abfallprodukte umgewandelt wird.

Umso wichtiger ist daher die richtige Nahrungsaufnahme. Die Ernährungslehre des Ayurveda unterscheidet sechs Geschmacksrichtungen (Rasas): Süß beruhigt das Nervensystem und wirkt stimmungsaufhellend und nährend. Sauer regt den Appetit an, fördert die Verdauungskraft und stimuliert leicht. Salziges erhitzt den Körper, regt die Verdauung an und speichert Wasser im Körper. Scharf wirkt ebenfalls erhitzend und verdauungsanregend und löst Schleim. Bitter hingegen reinigt das Blut, kühlt den Körper und fördert den Appetit. Herb beziehungsweise zusammenziehend fördert die Verdauung, trocknet und kühlt.

Obwohl alle Geschmacksrichtungen im Tagesbedarf abgedeckt werden sollen, gilt auch hier: Je nach Konstitution sollten bestimmte Geschmacksrichtungen häufiger im Essensplan enthalten sein. Vata-Typen nehmen bevorzugt Süßes, Saures und Salziges zu sich, Pitta-Typen hingegen Süßes, Bitteres und Zusammenziehendes; Kapha-Typen schließlich sollten die Geschmacksrichtungen scharf, bitter und zusammenziehend präferieren. Welches Lebensmittel nach dem Prinzip des Ayurveda nun welche Geschmacksrichtung hat, verraten entsprechende Seiten im Internet.

Richtig, gemäßigt und zeitlich abgestimmt Ernährung

Neben dem Unterscheidungskriterium des Geschmacks gibt es auch jenes der Qualität. Hier unterscheidet man drei Klassen (Gunas): „Ultrareine“ beziehungsweise sattvische Nahrungsmittel (zum Beispiel Früchte, Gemüse und vollwertiges Müsli), die regenerieren und den Gesundheitszustand verbessern, „Muntermacher“ beziehungsweise rajaische Lebensmittel (zum Beispiel Fleisch, Käse und Meeresfrüchte), die die Aktivität fördern, und „Ignoranten“, also tamaische Lebensmittel wie Burger, Chips und Fertiggerichte, die die Gesundheit gefährden, den Altersprozess beschleunigen und die mentale Verfassung schwächen.

Trotz der vielen, beinahe schon unübersichtlichen Unterscheidungsmerkmale gibt es auch Empfehlungen, die für Alle gelten. Dazu gehört, nur bei Hunger zu essen (und dann auch nicht bis zur kompletten Sättigung), keine Zwischenmahlzeiten zu sich zu nehmen, nie in Unruhe zu essen und mindestens drei Stunden Pause zwischen den einzelnen Mahlzeiten einzulegen. Außerdem sollte man die Hauptmahlzeit mittags einnehmen, frische Lebensmittel konsumieren sowie viel Wasser (auch erwärmtes) und Kräutertee zu sich nehmen.

Kein Dogma

Zwar formulieren die Standardwerke des Ayurveda, die Charaka Samhita (Samhita steht für „Sammelwerke“), die Sushruta Samhita und die Vagbhata Samhita – benannt nach drei der berühmtesten Ärzte der klassischen Periode von circa 500 v. Chr. bis 1000 n. Chr. – klare Richtlinien, dennoch gibt es ein Spektrum an Schwerpunkten, Auslegungen und Interpretationen. Ayurveda soll bewusst nicht als Dogma verstanden werden.

Dementsprechend gibt es nicht den einen Zugang zur indischen Heilkunst – erst recht nicht beim Essen. Wichtig ist, sich langsam in die neue Ernährungs- und Lebensweise einzufinden. So lernt man seinen Körper wie von selbst (neu) kennen. Und dann ist Essen auch mehr als reine Nahrungsaufnahme - dann kann es Körper und Geist wieder in Einklang bringen.


Bildquelle: lyng883,http://www.flickr.com/photos/lyng883/

das könnte Sie auch Interessieren

Ernährung

Metabolic Typing – Du bist, was du isst (oder essen sollst)

„Jeder Jeck ist anders!“ Dieser Spruch gilt nicht nur für Karnevalsbegeisterte, sondern für jeden Menschen, wenn es um Metabolic Typing geht. Die alternativmedizinische Lehre ... weiterlesen

News

Stille Mineralwasser oft schlechter als Leitungswasser

Sie trinken gerne stilles Wasser? Dann greifen Sie am besten auf Wasser aus dem Hahn zurück. Eine Untersuchung der Stiftung Warentest ergab, dass natürliche Mineralwasser aus dem ... weiterlesen

News

Fastfood in England: Eiswürfel enthalten mehr Bakterien als Klowasser

Auf die erfrischende Cola oder den leckeren Frappuccino sollten Kunden in britischen Schnellrestaurants vorerst verzichten. Wie eine wissenschaftliche Studie ergab, enthalten die Eiswürfel von ... weiterlesen

News

Kaugummi kauen gegen Zahnverlust im Alter

Senioren sollten in Zukunft vermehrt zuckerfreie Kaugummis kauen. Das wünscht sich zumindest die Initiative Prodente aus Köln. Wrigleys und Co. trainieren die Kiefermuskeln und reinigen ... weiterlesen

Ernährung

Functional Food – Gesundheitsvorsorge aus dem Joghurtbecher

Durch die TV-Werbung werden wir mit ihnen konfrontiert, in Supermarktregalen kommen wir kaum an ihnen vorbei: Funktionelle Lebensmittel, im Allgemeinen eher als Functional Food oder Nutraceutical ... weiterlesen